38In jener Zeit lehrte Jesus eine große Menschenmenge und sagte: Nehmt euch in acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, 39und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
40Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. 41Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.
42Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. 43Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.
44Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.

„Verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete“ (Mk 12,40)

Als ich in meinem gewöhnlichen Zustand war, kam der gebenedeite Jesus nur kurz mit knapper Mühe und sprach zu mir:
„Meine Tochter, die Werke, die Mir am meisten gefallen, sind die verborgenen Werke, denn sie sind frei von jedem menschlichen Geist. Sie enthalten solche Kostbarkeit in sich, dass Ich sie als die auserlesensten in meinem Herzen bewahre.
Vergleicht man sie miteinander, so bleiben tausend äußere und öffentliche Werke hinter einem einzigen inneren und verborgenen Werk zurück, denn in den äußeren Werken hat der menschliche Geist immer seinen Anteil.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 7; 18. Oktober 1906)

„Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt“ (Mk 12,44)

Als ich verschiedene Seelen sah, die Jesus umgaben, besonders eine empfindsamere, sagte Jesus zu mir: „Meine Tochter, die Seelen sensibler Natur machen, wenn sie sich dem Guten hingeben, größere Fortschritte als andere, denn ihre Empfindsamkeit macht sie geneigt zu schwierigen und großen Unternehmungen.”
Ich bat Ihn, dass Er von dieser Seele wegnehmen möge, was von ihrer menschlichen Empfindsamkeit noch geblieben war, und dass Er sie mehr an sich drücken und ihr sagen möge, dass Er sie liebt, damit, wenn sie hört, dass Er sie liebt, Er sie gänzlich erobern möge: ‘Du wirst sehen, dass es Dir gelingen wird. Hast Du mich nicht auch auf diese Weise erobert, indem Du mir sagtest, dass Du mich sehr, sehr liebst?’
Und Jesus: „Ja, ja. Ich werde es tun, doch Ich will ihre Mitarbeit – dass sie, so sehr sie kann, die Menschen flieht, die ihre Sensibilität erregen.”
So fügte ich hinzu: ‘Meine Liebe, sag mir, was ist mit meinem Temperament – welches habe ich?’
Und Jesus: „Wer in meinem Willen lebt, verliert sein Temperament und erwirbt das Meine. So findet man in der Seele, die meinen Willen tut, ein gefälliges, anziehendes, durchdringendes, würdiges und gleichzeitig einfaches Temperament, von einer kindlichen Einfachheit, mit einem Wort, sie ist Mir in allem ähnlich.
Ja, mehr noch: sie hat das Temperament in ihrer Macht, wie sie will und wie es nötig ist. Da sie in meinem Willen lebt, nimmt sie teil an meiner Macht und hat somit die Dinge und sich selbst zu ihrer Verfügung; so nimmt sie je nach Umständen und Personen, mit denen sie umgeht, mein Temperament und wendet es an.”
Und ich: ‘Sag mir, gibst Du mir einen ersten Platz in deinem Willen?”
Jesus lächelte: „Ja, ja, Ich verspreche es dir, aus meinem Willen werde Ich dich niemals mehr heraustreten lassen, und du wirst nehmen und tun, was immer du willst.”
Und ich: ‘Jesus, ich will arm sein, arm und ganz klein, ich will nichts von deinen Dingen, es ist besser, wenn Du selbst sie behältst. Nur Dich will ich, und wenn ich die Dinge brauche, wirst Du sie mir geben, nicht wahr, o Jesus?
Und Jesus: „Bravo, bravo, meine Tochter. Endlich habe Ich eine gefunden, die nichts will. Jeder will etwas von Mir, aber nicht Alles, d.h. Mich allein, doch indem du nichts wolltest, wolltest du alles, und hier liegt die ganze Feinheit und Raffinesse der wahren Liebe.”
Ich lächelte, und Jesus verschwand. (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 11; 24. Februar 1912)

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Jesus möchte mit den Seelen keine Abrechnung halten. Der himmlische Gärtner, der menschliche Wille als das Feld Jesu, Mitgift und Ausstattung, die Gott der Seele schenkt.
Ich dachte über den Göttlichen Willen nach, wobei mir tausend Gedanken durch den Kopf gingen, und ich sagte mir: ‘Warum eigentlich möchte Jesus so gerne meinen Willen haben?
Wenn Er es liebt, mir den Seinen zu geben, dann ist der Gewinn auf meiner Seite. Mit einem Göttlichen Willen in meiner Gewalt, besitze ich alles, schließe ich alles ein, sogar Gott selbst, doch dass Er den meinen will, sogar als Austausch für den Seinen, das ist das Erstaunliche!
Was kann Ihm ein so schwacher und unbedeutender Wille schon bringen und nützen, der doch mehr Böses als Gutes hervorzubringen vermag?
Man sieht, dass Jesus weder etwas von Buchhaltung versteht, noch dem, was Er als Vergeltung für das Empfangene schenkt, den rechten Wert beizumessen versteht; oder besser gesagt – Er will es nicht.
Solange Er nur seine Absicht erreicht, ist es Ihm egal, ob Er für das Viele, das Er gegeben hat, wenig oder nichts bekommt; daraus sieht man jedoch, dass seine Liebe eine wahre Liebe ist, weil sie uneigennützig ist.’
Doch als mein Geist diese Ungereimtheiten vorbrachte, erschien mein süßester Jesus, wie Er ganz aufmerksam meine Torheiten anhörte und mit Wohlgefallen zu mir sprach:
„Meine gesegnete Tochter, wenn Ich mit den Geschöpfen abrechnen wollte, könnte Ich ihnen nie etwas geben; denn was sie Mir geben können, haben sie alles zuvor schon von Mir erhalten, daher können sie Mir nur das geben, was Mir bereits gehört.
Daher drängt Mich meine Liebe, auf jede Abrechnung mit ihnen zu verzichten. Buch zu führen würde nämlich meine Liebe blockieren und meinen Willen in seiner Freiheit einschränken, der Seele zu geben, was Er will, und dies wäre Ihm peinlich.
Damit Ich dir meinen Göttlichen Willen gebe, ist es zudem nötig, dass du Mir den deinen gibst, denn es können nicht zwei Willen in einem Herzen das Sagen haben: sie würden sich bekriegen, der deine wäre ein Hindernis für den Meinen, und dieser könnte daher nicht frei tun, was Er möchte.
Damit mein Wille ganz frei in dir sei, verlange Ich den deinen so nachdrücklich von dir. Darüber hinaus musst du wissen, dass dein Wille schwach und unbedeutend in dir ist, doch in meinen Händen, die schaffen und umwandeln können, verändert er sein Aussehen.
Ich mache ihn machtvoll, lebendig und verleihe ihm das Vermögen, Gutes hervorzubringen und bediene mich seiner, um nicht müßig zu bleiben.
Ich arbeite als himmlischer Gärtner auf diesem Feld deines Willens und mache eine schöne Blumenwiese und meinen Wonnegarten daraus.
Was in deinen Händen unbedeutend und vielleicht sogar schädlich ist, verändert also in meinen Händen sein Wesen. Es dient Mir zu meinem Vergnügen, und damit Ich ein kleines Stück Land für den schönsten Blumen-schmuck zur Verfügung habe.
Überdies wünsche Ich, um geben zu können, das Kleine und Unbedeutende – auch als Vorwand, damit Ich Großes schenken und sagen kann: ‚Die Seele hat Mir gegeben, und Ich habe ihr gegeben‘.
Es stimmt, sie hat Mir zwar wenig gegeben, aber sie gab Mir das, was sie hatte. Und dass sie sich sogar von dem Wenigen um Meinetwillen getrennt hat, ist die größte Gabe.
Ich vertraue sie meiner übergroßen Liebe an, damit Ich alles ersetzen kann, was der Seele fehlt.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 31; 22. Januar 1933)