Joh 16,20-23a

20In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln. 21Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. 22So seid auch ihr jetzt bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude. 23aAn jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.

„Ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln“ (Joh 16,20)

Ich dachte über die glorreiche Himmelfahrt meines süßen Jesus nach und den Schmerz der Apostel über die Beraubung eines solchen Gutes; da bewegte sich mein süßer Jesus in meinem Inneren und sagte zu mir:

„Meine Tochter, der größte Schmerz aller Apostel in ihrem ganzen Leben war, ihres Meisters beraubt zu bleiben. Als sie Mich zum Himmel aufsteigen sahen, wurden ihre Herzen von der Pein meiner Beraubung verzehrt, und dieser Schmerz war noch viel schärfer und durchdringender, da es kein menschlicher Schmerz war – sie hatte ja keine materielle Sache verloren – sondern ein göttlicher Schmerz: es war ein Gott, der von ihnen ging.

Obwohl Ich meine Menschheit hatte, war sie, als sie auferstand, vergeistigt und verherrlicht, daher war ihr ganzer Schmerz in ihren Seelen, der ihr gesamtes Wesen durchdrang, und sie sich ganz vom Schmerz verzehrt fühlten, dass es ihr schrecklichstes und leidvollstes Martyrium darstellte.
Doch all dies war notwendig für sie; man könnte sagen, dass sie bisher nichts anderes als zarte Kinder in den Tugenden und der Kenntnis der göttlichen Dinge und meiner eigenen Person waren. Ich war in ihrer Mitte und sie kannten Mich nicht, noch liebten sie Mich wahrhaft.

Doch als sie Mich zum Himmel aufsteigen sahen, zerriss der Schmerz über meinen Verlust den Schleier, und sie erkannten Mich mit solcher Sicherheit als den wahren Sohn Gottes, dass der intensive Schmerz, Mich nicht mehr in ihrer Mitte sehen zu können, in ihnen die Festigkeit im Guten und die Stärke hervorbrachte, alles aus Liebe zu Dem zu erleiden, Den sie verloren hatten; der Schmerz gebar das Licht der Göttlichen Wissenschaft, nahm ihnen die Windeln der Kindheit weg und machte unerschrockene Männer aus ihnen, die nicht mehr ängstlich, sondern mutig waren. Der Schmerz verwandelte sie und bildete den wahren Charakter als Apostel aus. Was sie mit meiner Gegenwart nicht erreichen konnten, erlangten sie durch den Schmerz meiner Beraubung.

Nun, meine Tochter, eine kleine Lektion für dich: dein Leben könnte man einen ständigen Schmerz bezeichnen, Mich zu verlieren, und eine ständige Freude, Mich zu gewinnen, doch zwischen dem Schmerz des Verlustes und der Freude, Mich zu finden, wie viele Überraschungen habe Ich dir nicht bereitet, wie viele Dinge habe Ich dir nicht gesagt? Es war der Schmerz und das schmerzhafte Martyrium meines Verlustes, der dich vorbereitete und disponierte, die erhabenen Lektionen über meinen Willen anzuhören.
Wie oft schien es dir in der Tat so, als hättest du Mich verloren, und während du in deinen qualvollen Schmerz versenkt warst, kehrte Ich mit einer der schönsten Lektionen über meinen Willen zu dir zurück und ließ die erneute Freude über meine Rückkehr zu dir wiederkehren, um dich von neuem für den durchbohrenden Schmerz meiner Abwesenheit zu disponieren. Ich kann behaupten, dass der Schmerz über meine Abwesenheit in dir die Wirkungen, den Wert, die Kenntnisse und das Fundament meines Willens hervorgebracht hat.

Ich musste Mich dir gegenüber so verhalten, d.h., sehr oft zu dir zu kommen und dich in der Gewalt des Schmerzes über meine Abwesenheit zu belassen. Da Ich beschlossen hatte, dir auf ganz besondere Weise so viel über meinen Willen zu offenbaren, musste Ich dich einem ständigen göttlichen Schmerz ausliefern, denn da mein Wille göttlich ist, konnte Ich nur auf einem göttlichen Schmerz seinen Thron begründen und seine Herrschaft ausbreiten. Ich handelte als Lehrer und teilte dir die Kenntnis meines Willens mit, soweit es einem Geschöpf möglich ist.

Viele werden sich über meine ständigen Besuche bei dir wundern – was Ich an den anderen nicht getan habe – und über deinen ständigen Schmerz meiner Beraubung. Hättest du Mich nicht so oft gesehen, so hättest du Mich weder gekannt, noch so sehr geliebt, denn jeder meiner Besuche vermehrt die Kenntnis über Mich und bringt eine neue Liebe; und je mehr die Seele Mich kennt und liebt, umso größer wird ihr Schmerz.

Ich regte durch mein Kommen deinen Schmerz noch mehr an, da meinem Willen nicht das edle Gefolge des Schmerzes fehlen sollte, der die Seele festigt und stark macht, sodass mein Wille in ihr meine feste Wohnstätte errichten und sie immer neu und andauernd über meinen Willen belehren kann. Daher – Ich wiederhole es dir – lass Mich machen und vertraue Mir.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 16; 29. Mai 1924)