9In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel: 10Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. 12Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
13Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

„In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel“ (Lk 18,9)

… „Herr, in deiner Gegenwart klage ich mich der Sünde des Stolzes an.“
Und Er: „Komm an mein Herz und setze dein Ohr daran, und du wirst das grausame Martyrium wahrnehmen, das du meinem Herzen mit dieser Sünde bereitet hast.“
Zitternd legte ich mein Ohr an dieses anbetungswürdige Herz – aber wer kann sagen, was ich in diesem Augenblick hörte und begriff? Besonders nach so langer Zeit werde ich nur etwas Ungenaues sagen.
Ich erinnere mich, dass sein Herz so stark schlug, dass seine Brust zu zerspringen schien, dass sie in Stücke gerissen würde und vom Schmerz fast zerstört wurde. Ach! Wenn ich es vermocht hätte, wäre ich so weit gekommen, das Göttliche Sein durch den Stolz zu zerstören. Ich werde ein Gleichnis bringen, um mich verständlich zu machen, sonst habe ich keine Worte, um mich auszudrücken.
Stellt euch einen König vor, und zu Füßen dieses Königs einen Wurm, welcher anwächst und aufschwillt und zu glauben beginnt, er sei jemand, und der solche Dreistigkeit erreicht, da er beim Wachsen – Stück für Stück – den Kopf dieses Königs erreicht, und ihm die Krone abnehmen und auf seinen eigenen Kopf setzen will. Dann nimmt er ihm die königlichen Gewänder weg, wirft ihn von seinem Thron und versucht schließlich, ihn zu töten.
Aber das Ärgste an diesem Wurm ist, dass er selbst sein eigenes Sein nicht kennt, so sehr täuscht er sich, und er weiß nicht, dass der König, um ihn zu vernichten, nichts tun muss als ihn zu packen und unter seinen Füßen zu zerquetschen – und so ihm ein Ende zu machen. Nun, der Stolz dieses Wurmes, wenn er es tun könnte, ruft in Wahrheit Empörung und Mitleid hervor, und ist zugleich lächerlich.
So sah ich mich vor Gott, und das erfüllte mich mit solcher Verlegenheit und solchem Kummer, dass ich die Marter in meinem Herzen erneuert fühlte, die der gebenedeite Jesus gelitten hat.
Dann verließ Er mich, und ich empfand eine solche Qual und verstand, wie hässlich diese Sünde des Stolzes ist, dass es unmöglich zu beschreiben ist… (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 1; (15-17))

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… „Meine Tochter, Ich habe geschaut und wieder geschaut, gesucht und abermals gesucht, während Ich die ganze Erde umrundete, doch auf dich richtete Ich meine Blicke und fand Ich mein Wohlgefallen, und Ich wählte dich unter tausenden.“
Dann wandte Er sich an bestimmte Leute, die ich sehen konnte, und ermahnte sie mit den Worten: „Mangel an Wertschätzung für andere ist Mangel an wahrer christlicher Demut und an Milde, denn ein demütiger und sanfter Geist weiß alle zu respektieren und legt die Dinge der anderen stets zum Guten aus.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 3; 3. Juni 1900)

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Jesus wird mit Dornen gekrönt, als Spottkönig behandelt, unerhörten Quälereien und Beschimpfungen ausgesetzt. Er aber sühnt in besonderer Weise für die Sünden des Stolzes. Gehen wir den Gedanken des Hochmuts aus dem Weg? Schreiben wir Gott das Gute zu, das wirtun, halten wir uns für geringer als alle anderen?
Ist unser Geist entäußert von sündhaften Gedanken, um der Gnade Raum zu gewähren? In vielen Fällen geben wir der Gnade kein Asylrecht, weil wir den Kopf von anderen Gedanken voll haben.
Ist aber unser Geist nicht von Gott erfüllt, sind wir selbst daran schuld, wenn der Dämon uns belästigt, da wir ja selbst die Versuchung schüren. Ist hingegen unser Geist mit Gott erfüllt, dann findet der Teufel, wenn er sich uns nähert, keinen Anhaltspunkt, der ihm dazu dienen könnte, unseren Versuchungen die von ihm beabsichtigte Richtung zu geben.
In Schanden zieht er ab. Denn heilige Gedanken haben eine solche Macht über ihn, dass, wenn er sich an uns heranschleicht, sie ihn wie mit Schwertstößen verwunden und in die Flucht schlagen. Zu Unrecht beklagen wir uns also, wenn unser Geist vom Geist der Finsternis belästigt und versucht wird.
Unsere geringe Wachsamkeit ist es, die ihn aufstachelt, uns anzufallen. Er späht die Regungen unseres Geistes aus, und wenn er sie im Geringsten von heiligen Gedanken entblößt sieht, greift er uns an.
Anstatt Jesus mit unseren heiligen Gedanken zu erquicken und ihm die Dornen aus dem Haupt zu ziehen, sind wir undankbar genug, sie ihm einzudrücken und ihn nur noch mehr die Stiche fühlen zu lassen. So wird die Frucht der Gnade vereitelt, und das Wirken der heiligen Einsprechungen kann in unserem Geist nicht seinen freien Lauf nehmen. (Die Stundenuhr der Passion Jesu Christi; Stunde von 9 bis 10 Uhr: Jesus mit Dornen gekrönt, verspottet und verhöhnt. Ecce homo! Von Pilatus zum Tode verurteilt)

„Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18,13)

… „Mein teurer Geliebter, laß mich Schmerzen über meine Sünden empfingen, so dass sie, verzehrt vom Schmerz und der Reue, Dich beleidigt zu haben, aus meiner Seele, und auch von deinem Gedächtnis ausgelöscht werden können. Ja, gib mir so viel Kummer, so viel ich Dich zu beleidigen gewagt habe.
Mehr noch, lass den Kummer dies übertreffen, so werde ich mich noch enger an Dich schmiegen können.“ Ich erinnere mich, dass, als ich dies einmal sagte, mein stets gütiger Jesus zu mir sprach: „Da du so betrübt bist, Mich beleidigt zu haben, will Ich dich selbst bereiten, um Kummer über deine Sünden zu empfinden; so siehst du, wie hässlich die Sünde ist, und welche bittere Pein mein Herz leidet.
Sage deshalb zusammen mit Mir: „Wenn ich das Meer durchquere, bist Du im Meer, obwohl ich Dich nicht sehe; wenn ich auf die Erde auftrete, bist Du unter meinen Füßen. Ich habe gesündigt.“
Und dann fügte Jesus mit leiser Stimme, beihane weinend, hinzu: „Und doch habe Ich dich geliebt, und zur gleichen Zeit habe Ich dich bewahrt.“ Während Jesus das sagte, und ich zusammen mit Ihm, wurde ich von solchem Kummer über die zugefügten Beleidigungen ergriffen, dass ich flach zu Boden fiel; und Jesus verschwand.
Es waren wenige Worte, doch ich verstand so viele Dinge, dass man unmöglich alles wiedergeben kann, was ich erfasste. In den ersten Worten verstand ich die Unermesslichkeit, Größe und Gegenwart Gottes in jedem Ding, ohne dass Ihm auch nur der Schatten unserer Gedanken entgehen kann; auch begriff ich meine Nichtigkeit im Vergleich mit einer so großen und heiligen Majestät.
Im Wort „Ich habe gesündigt“ erfasste ich die Hässlichkeit der Sünde, die Schlechtigkeit, die Kühnheit, die ich besessen hatte, Ihn beleidigt zu haben. Und während meine Seele das betrachtete, wurde mein Herz von solchem Kummer ergriffen, als ich Jesus Christus sagen hörte „Doch Ich habe dich geliebt, und zugleich habe Ich dich bewahrt“, dass ich zu sterben glaubte, denn ich begriff die unermessliche Liebe, die der Herr mir entgegenbrachte, in demselben Akt, in welchem ich Ihn zu beleidigen und auch zu töten versuchte.
O Herr, wie gut bist Du zu mir gewesen, und ich – stets undankbar, und immer noch so schlecht! (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 1)

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Als ich mich in meinem gewohnten Zustand befand, kam mein anbetungswürdiger Jesus in einer traurigen Verfassung. Er hatte seine Hände eng gefesselt, sein Gesicht mit Speichel bedeckt, und viele Leute schlugen Ihn fürchterlich.
Doch Er blieb ruhig, sanft, ohne eine Bewegung zu machen oder eine Klage auszustoßen; nicht einmal einen Lidschlag tat Er, um anzuzeigen, dass Er diese Schmähungen zu leiden wünschte, und dies nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.
Was für ein rührendes Schauspiel, dass es die härtesten Herzen brach! Wie viel sagte dieses Antlitz, behangen mit Speichel, beschmutzt mit Dreck! Ich fühlte Erschrecken, ich zitterte, ich sah mich selbst voller Stolz vor Jesus. Während Er so erschien, sagte Er zu mir:
„Meine Tochter, nur mit den Kleinen kann man umgehen, wie man will; nicht jene, die an menschlicher Vernunft klein sind, sondern die klein, aber erfüllt von göttlicher Vernunft sind. Ich allein kann sagen, dass Ich demütig bin, denn im Menschen sollte das, was Demut heißt, sich eher Selbsterkenntnis nennen; und wer sich nicht selbst kennt, geht bereits in der Unwahrheit.“
Jesus blieb für Minuten still, und ich stand da und betrachtete Ihn. Währenddessen sah ich eine Hand, die ein Licht trug, welche in meinem Inneren die intimsten verborgenen Orte durchsuchte, um zu sehen, ob in mir Selbsterkenntnis und Liebe zur Erniedrigung, Demütigung und Schmach zu finden sei.
Jenes Licht fand einen Leerraum in meinem Inneren, und ich sah auch, dass er mit Demütigungen und Beschämung gefüllt werden sollte nach dem Beispiel des gebenedeiten Jesus. O, wie viel ließen mich dieses Licht und dieses heilige Angesicht, das vor mir war, verstehen! Ich sagte zu mir selbst:
„Ein Gott, aus Liebe zu mir erniedrigt und gedemütigt, und ich, eine Sünderin, ohne diese Ehrenzeichen! Ein Gott, beständig und fest im Ertragen so vieler Beleidigungen, sodass Er sich nicht einmal ein klein wenig bewegt, um diesen ekelhaften Speichel abzuschütteln!
Ach, mir wird sein Inneres vor dem Angesicht Gottes und sein Äußeres vor den Menschen gezeigt, und doch könnte Er, wenn Er wollte, sich selbst befreien, denn nicht die Ketten fesseln Ihn, sondern sein fester Wille, die Menschheit um jeden Preis retten zu wollen.
Und ich? Und ich? Wo sind meine Demütigungen, wo die Festigkeit und Beständigkeit im Tun des Guten aus Liebe zu meinem Jesus und aus Liebe zu meinem Nächsten? Ach, wie verschieden sind wir als Opfer – ich und Jesus! Ach, wir sehen uns überhaupt nicht ähnlich!“
Während mein kleines Gehirn sich in diesen Überlegungen verlor, sagte mir mein anbetungswürdiger Jesus: „Nur meine Menschheit war erfüllt von Schmach und Demütigungen, bis sie sogar nach außen überflossen.
Deshalb zittern Himmel und Erde vor meinen Tugenden, und die Seelen, welche Mich lieben, gebrauchen meine Menschheit als eine Treppe, um höherzusteigen und ein paar kleine Tröpfchen meiner Tugenden aufzulecken. Sage mir nun: „Angesichts meiner Demut, wo ist die deine?
Ich allein kann mich rühmen, die wahre Demut zu besitzen. Meine, mit meiner Menschheit vereinte Gottheit, könnte bei jedem Schritt, in Worten und Werken Wunder tun; hingegen schloss Ich Mich willentlich in den Umkreis meiner Menschheit ein, Ich zeigte Mich als der Ärmste und ging so weit, mich unter die Sünder zu mischen.
Ich hätte das Erlösungswerk in kürzester Zeit vollbringen können, sogar mit einem einzigen Wort; doch wollte Ich im Lauf vieler Jahre, mit vielen Bedrängnissen und Leiden, Mir die Armseligkeiten des Menschen zu eigen machen.
Ich wollte Mich selbst in vielen Akten üben, damit der Mensch vollkommen erneuert und auch in den niedrigsten Werken vergöttlicht würde. Tatsächlich, als sie von Mir geübt worden sind, der Ich Gott und Mensch war, empfingen sie neuen Glanz und erhielten das Merkmal von göttlichen Werken.
Meine, in meiner Menschheit verborgene Gottheit wollte sich zu solcher Niedrigkeit herablassen und sich dem Lauf der menschlichen Handlungen unterwerfen, während Ich mit einem einzigen Willensakt unendliche Welten erschaffen hätte können.
Sie wollte das Elend und die Schwächen der anderen fühlen, als wären sie Ihre eigenen, und wollte meine Menschheit mit allen Sünden der Menschen vor der Göttlichen Gerechtigkeit bedeckt sehen, die dafür die Strafe abzuzahlen hatte – um den Preis unerhörter Leiden und mit dem Vergießen meines ganzen Blutes.
So übte Ich ununterbrochene Akte von tiefer und heroischer Demut. Hier siehst du, o Tochter, den unermessliche Unterschied zwischen meiner Demut und der Demut der Geschöpfe – sogar jener aller meiner Heiligen – welche vor meinem Angesicht nur ein Schatten ist; denn das Geschöpf ist immer ein Geschöpf und weiß nicht, wie Ich es weiß, wie groß das Gewicht der Sünde ist.
Wenn auch heroische Seelen nach meinem Beispiel sich selbst anboten, die Leiden anderer zu leiden, so sind ihre Leiden nicht verschieden von denen der anderen Geschöpfe; sie sind nichts Neues für sie, denn sie sind aus demselben Lehm gemacht.
Zudem ist der bloße Gedanke, dass diese Leiden die Ursache für neue Gewinne sind und Gott verherrlichen, eine große Ehre für sie. Überdies ist das Geschöpf in den Umkreis eingeschränkt, in welchen Gott es gesetzt hat, und es kann nicht aus diesen Grenzen heraustreten, in die sie von Gott limitiert wurde.
O, wenn es in ihrer Macht wäre, Dinge zu tun oder ungeschehen zu machen, wie vieles mehr würden sie noch tun – jeder würde die Sterne erreichen! Doch meine vergöttlichte Menschheit hatte keine Grenzen, sondern schränkte sich freiwillig in sich selbst ein, und damit wurden alle meine Werke wie mit einem Band mit heroischer Demut umflochten.
Dieser Mangel an Demut war die Ursache von allen Übeln gewesen, welche die Erde überfluteten; und durch das Üben dieser Tugend musste Ich alle Güter von der Göttlichen Gerechtigkeit herabziehen.
Ach ja, keine Zugeständnisse von Gnaden kommen von meinem Thron, wenn nicht mittels der Demut, noch kann man eine Eintrittskarte von Mir erhalten, die nicht die Unterschrift der Demut trägt. Kein Gebet erhören meine Ohren, und nichts bewegt mein Herz zu Mitleid, wenn es nicht in den Duft des Wohlgeruchs der Demut gehüllt ist.
Wenn es die Seele nicht fertigbringt, diesen Keim von Ehre und [Selbst-]schätzung in sich zu zerstören – und er wird vernichtet, wenn man so weit kommt, Verachtung, Demütigung, Verlegenheit zu lieben – wird sie ein Dornengeflecht um ihr Herz fühlen und eine Leere in ihrem Herzen wahrnehmen, die ihr stets Unbehagen verschafft und sie meiner Heiligsten Menschheit sehr unähnlich macht.
Wenn sie nicht so weit kommt, Demütigungen zu lieben, wird sie sich höchstens selbst ein wenig erkennen können, doch wird sie nicht vor Mir leuchten, bekleidet mit dem schönen und sympathischen Gewand der Demut.“
Wer kann beschreiben, wie viele Dinge ich über diese Tugend verstand, und den Unterschied zwischen Selbsterkenntnis und Demut? Ich schien mit meinen eigenen Händen den Unterschied zwischen diesen beiden Tugenden zu greifen, doch habe ich keine Worte, um mich zu erklären.
Um etwas zu sagen, werde ich ein Bild gebrauchen, zum Beispiel: Ein Armer weiß, dass er arm ist und offenbart freimütig seine Armut, auch Leuten gegenüber, die ihn nicht kennen, und die vielleicht glauben könnten, er besitze etwas.
Man kann sagen, dass er sich selbst kennt und die Wahrheit sagt; daher wird er mehr geliebt und bewegt andere zum Mitleid mit seinem armseligen Zustand, und jeder hilft ihm. So ist die Selbsterkenntnis.
Wenn aber der Arme sich schämt, seine Armut kundzutun und damit prahlt, er sei reich, während jeder weiß, dass er nicht einmal Kleider hat, um sich selbst zu bedecken und vor Hunger stirbt, was geschieht dann?
Jeder verachtet ihn, niemand hilft ihm, und er wird ein Gegenstand des Spotts und lächerlich für jeden, der ihn kennt. Und dieser Elende, vom Schlechten zum Schlechteren übergehend, endet im Verderben. So ist der Stolz vor Gott und auch vor anderen Menschen. Und wenn sich jemand nicht selbst erkennt, so verlässt er bereits die Wahrheit und stürzt auf den Weg der Falschheit hinab.
Nun, hier ist der Unterschied zur Demut, obwohl mir scheint, dass Selbsterkenntnis und Demut Schwestern sind, die aus demselben Schoß geboren wurden, und man kann nie demütig sein, wenn man sich selbst nicht kennt.
Ein anderes Beispiel: es gibt einen Reichen, der aus Liebe zur Demut seine vornehmen Gewänder ablegt und sich mit armseligen Lumpen bedeckt. Er lebt unbekannt und offenbart niemandem, wer er ist.
Er mengt sich unter die Ärmsten, lebt mit den Armen, als wäre er einer von ihnen und macht aus Schmähungen und Erniedrigungen seine Freuden. Hier ist die schöne Schwester der Selbsterkenntnis, d.h. die Demut.
Sowohl im ersten Beispiel von den zwei Armen wie auch im Beispiel des Reichen sieht man, wie die Selbsterkenntnis ohne Demut schadet und zu nichts nützt, wenn sie aber Demut hervorbringt, ist sie überaus kostbar.
Ach ja, die Demut zieht die Gnade an. Demut bricht die stärksten Ketten, welche die Sünden sind. Demut überwindet jede Mauer der Trennung zwischen der Seele und Gott, und bringt sie zu Ihm zurück.
Demut ist eine kleine Pflanze, doch stets grün und blühend, nicht den Würmern ausgesetzt, die sie anfressen könnten; noch werden Winde, Hagel oder Hitze fähig sein, ihr zu schaden oder sie im Geringsten welken zu lassen.
Obwohl sie die kleinste Pflanze ist, bringt die Demut sehr hohe Zweige hervor, die sogar in den Himmel eindringen und das Herz Unseres Herrn umranken; und nur die Zweige aus dieser kleinen Pflanze haben freien Zugang zu diesem anbetungswürdigen Herz.
Die Demut ist der Anker des Friedens in den Seestürmen dieses Lebens. Demut ist das Salz, welches alle Tugenden würzt und die Seele vor der Verderbnis der Sünde bewahrt.
Demut ist das kleine Gras, das auf den Wegen sprießt, die von den Reisenden beschritten werden; wenn es zertreten wird, verschwindet es, doch bald kann man es wieder sprießen sehen, schöner als vorher.
Demut ist wie eine zarte Veredlung, welche die wilde Pflanze zart macht. Demut ist der [Sonnen]Untergang der Schuld. Demut ist die Neugeborene der Gnade. Demut ist wie der Mond, der uns in der Finsternis der Nacht dieses Lebens führt.
Demut ist wie der kluge Händler, der es wohl versteht, mit seinen Reichtümern Geschäfte zu machen und nicht einen Cent der Gnade verschwendet, der ihm gegeben wurde. Demut ist der Schlüssel zur Himmelstür, sodass niemand eintreten kann, wenn er diesen Schlüssel nicht in guter Verwahrung hält.
Schließlich – ansonsten würde ich nie aufhören und es würde zu lange werden – ist die Demut das Lächeln Gottes und des ganzen Himmels und das Wehklagen der ganzen Hölle. (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 3; 12. Januar 1900)

„Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18,14)

Sehr betrübt wegen der Abwesenheit meines höchsten und einzigen Gutes, sah ich Ihn schließlich nach langem Warten aus dem Inneren meines Herzens herauskommen; Er weinte und gab mir mit seinen Augen zu verstehen, dass Er wegen der Beschneidungswunde litt.
So weinte Er und erwartete von mir, das Blut zu trocknen, das von dieser Wunde herausfloss, und die Pein des Schnittes zu lindern. Ich fühlte Mitleid und Verlegenheit zugleich, sodass ich nicht wagte, es zu tun; die Liebe drängte mich aber, und ich fand – ich weiß nicht wie – ein kleines Tuch in meiner Hand und versuchte so gut ich konnte, das Blut des Jesuskindes zu trocknen.
Dabei fühlte ich mich voller Sünden und glaubte, dass ich der Grund für jenen Schmerz war. O, wie leid tat Er mir! Ich fühlte mich von dieser Bitterkeit aufgesogen, und das gebenedeite Kindlein sagte voller Mitleid mit meinem elenden Zustand zu mir:
„Je mehr die Seele sich erniedrigt und sich selbst erkennt, umso näher kommt sie der Wahrheit; und wenn sie in der Wahrheit ist, versucht sie, auf dem Weg der Tugenden voranzuschreiten, von denen sie sich selbst sehr weit entfernt sieht. Und wenn sie sich auf dem Weg der Tugenden sieht, erkennt sie sofort, wie viel für sie noch zu tun bleibt, denn die Tugenden haben kein Ende, sie sind unendlich, wie Ich es bin.
So versucht die Seele, sich in der Wahrheit befindend, stets sich zu vervollkommnen, doch wird sie nie den Punkt erreichen, sich selbst vollkommen zu sehen. Und dies hilft ihr und bewirkt, dass die Seele ununterbrochen arbeitet und sich bemüht, sich mehr zu vervollkommnen, ohne die Zeit müßig zu verschwenden.
Und Ich überarbeite sie, von dieser Arbeit der Seele angetan, Stück für Stück, um in ihr die Ähnlichkeit mit Mir abzubilden. Deshalb also wollte Ich beschnitten werden, um ein Beispiel höchster Demut zu geben, das sogar die Engel des Himmels in Erstaunen versetzte.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 3; 1. Januar 1900)

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… „Meine Tochter, die Vollkommenheit ist Licht. Wer sagt, dass er sie erreichen will, der macht es wie jemand, der einen Körper aus Licht in seiner Hand ergreifen möchte. Wenn er es versucht, entwischt ihm das Licht durch seine Finger, bloß seine Hand bleibt in dieses Licht versenkt.
Nun, das Licht ist Gott, und Gott allein ist vollkommen, und die Seele, die vollkommen sein will, tut nichts anderes, als die Schatten und Tröpfchen Gottes zu ergreifen, und manchmal tut sie nichts anderes, als im Licht, d.h., in der Wahrheit allein zu leben.
Und wie das Licht tiefer dringt und mehr Raum einnimmt, je mehr leeren und tieferen Raum es vorfindet, so erfüllt das Göttliche Licht eine Seele umso mehr, je leerer und demütiger sie ist, und teilt ihr seine Gnaden und Vollkommenheiten mit.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 6; 22. Dezember 1904)

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Ich war weiter in meinem gewöhnlichen Zustand, da kam mein süßer Jesus kurz und sprach zu mir:
„Meine Tochter, wer das Kreuz auf menschliche Weise betrachtet, findet es schmutzig und somit schwerer und bitterer; wer es aber auf Göttliche Weise betrachtet, findet es voller Licht, leicht und süß; die menschliche Sichtweise entbehrt nämlich der Gnade, der Kraft und des Lichtes, und daher erkühnt sich die Seele zu sagen:
„Warum hat mir jener dieses Unrecht zugefügt? Warum hat mir dieser jenen Ärger, jene Verleumdung angetan?“ Und die Seele wird voller Empörung, Zorn, Rache[gedanken], und dadurch wird das Kreuz beschmutzt, dunkel, schwer und bitter.
Die Göttliche Sichtweise hingegen ist voller Gnaden, Kraft und Licht, und die Seele ist daher nicht so unverfroren zu fragen: „Herr, warum hast Du mir dies angetan?“, sondern sie demütigt sich, fügt sich, und so wird das Kreuz leicht und bringt ihr Licht und Süßigkeit.“ (aus „Das Buch des Himmels“; Vorläufiger deutscher Text, aus dem Italienischen übersetzt von Studiengruppe Hl. Hannibal di Francia – DI Irmengard Haslinger – Für den privaten Gebrauch – Band 9; 20. November 1909)